Wer im Juni entlang der Trockenhänge und Waldränder der Hügel des nördlichen Harzvorlandes unterwegs ist, kann ihm noch begegnen: dem Weißflecken-Widderchen (Amata phegea), früher auch als Syntomis phegea bezeichnet. Dieser außergewöhnliche tagaktive Nachtfalter fällt sofort durch seine kontrastreiche schwarz-weiße Zeichnung und die gelben Hinterleibsringe auf. Meist sitzt er ruhig auf Blüten oder Grashalmen und schwirrt nur gelegentlich durch die Luft.
Sowohl im Aussehen als auch im Flug erinnert das Weißflecken-Widderchen stark an die als „Widderchen“ oder „Blutströpfchen“ bekannten Arten der Familie der Zygaenidae. Deren Name „Blutströpfchen“ bezieht sich auf die auffälligen roten Flecken oder Streifen dieser kleinen dunklen Falter. Dabei handelt es sich um eine Warntracht, die Fressfeinden wie Vögeln signalisiert, dass die Tiere aufgrund der in ihrem Körper enthaltenen Zyanidverbindungen giftig sind.
Trotz seiner deutschen Bezeichnung gehört das Weißflecken-Widderchen nicht zu den Widderchen, sondern zur Unterfamilie der Bärenspinner (Arctiinae) innerhalb der Familie der Eulenfalter (Erebidae).
Die Tiere erreichen eine Flügelspannweite von etwa 35 bis 45Millimetern. Die Grundfarbe der Falter ist schwarz, bei entsprechender Lichtreflexionentsteht ein dunkelblauer Schimmer. Die schwarzen Vorder- und Hinterflügel tragen auf beiden Flügelpaaren mehrere weiße Flecken. Weitere charakteristische Merkmale sind der schlanke, wespenähnliche Körperbau, die leicht gekämmten Fühler mit hellen Spitzen sowie zwei auffällige gelbe Querbänder – ein breites auf dem Hinterleib und ein schmaleres hinter der Brust.
Die Falter fliegen langsam und schwebend, was sie von vielen anderen tagaktiven Schmetterlingen unterscheidet. Besonders an warmen Sommertagen während ihrer Flugzeit von Juni bis August lassen sie sich häufig beim Besuch von Blüten beobachten.
Das Weißflecken-Widderchen ist in weiten Teilen Europas verbreitet. Sein Verbreitungsgebiet reicht von der Iberischen Halbinsel über Mitteleuropa bis auf den Balkan und in Teile Vorderasiens.
Als wärmeliebende Art besiedelt es blütenreiche Wiesen, Trocken- und Magerrasen, Waldränder, Lichtungen sowie Böschungen. Sein Vorkommen weist auf strukturreiche Landschaften mit extensiver Bewirtschaftung und einem hohen Blütenangebot hin. Dadurch besitzt die Art einen gewissen Wert als Bioindikator für naturnaheOffenlandbiotope.
Anders als viele Nachtfalter ist das Weißflecken-Widderchen tagaktiv. Seine Flugzeit reicht meist von Juni bis August, regional auch bis Anfang September. Während dieser Zeit besuchen die Falter zahlreiche Blütenpflanzen, um Nektar aufzunehmen und paaren sich.
Das auffällig
e Erscheinungsbild des Weißflecken-Widderchens gilt als Nachahmung der Warntracht der giftigen Blutströpfchen und wird gelegentlich als Mimikry bezeichnet. Die Kombination aus schwarzer Grundfarbe, weißen Flügelflecken und gelben Hinterleibsringen soll potenziellen Fressfeinden signalisieren, dass die Art ungenießbar ist. Möglicherweise enthält ihr Körper Bitterstoffe, die Vögel und andere Räuber abschrecken.
Nach der Paarung legt das Weibchen seine Eier an geeigneten Futterpflanzen ab. Die Raupen sind wenig spezialisiert und ernähren sich von verschiedenen krautigen Pflanzen wie Heidekraut, Löwenzahn, Ampfer oder Wegerich. Die geschlüpften Raupen leben zunächst verborgen in der Vegetation. Sie sind dunkel gefärbt und mit zahlreichen feinen Haaren besetzt. Hier zeigt sich die Verwandtschaft zu den Bärenspinnern, deren dicht behaarte Raupen zur Namensgebung der Gruppe führten.
Die Raupen überwintern in einem Gespinst an der Erdoberfläche und setzen ihre Entwicklung zeitig im Frühjahr fort. Die Verpuppung erfolgt ebenfalls im Gespinst an oder kurz unter der Erdoberfläche.
Das Weißflecken-Widderchen verbindet die Eleganz eines Schmetterlings mit der Warntracht einer Wespe und ist ein typischer Bewohner warmer, blütenreicher Lebensräume. Als Bestäuber, Indikator naturnaher Landschaften und faszinierendes Beobachtungsobjekt besitzt die Art einen hohen ökologischen und naturkundlichen Wert.
Bilder: Dr. E. Schliephake

