Kopf Verein

Über die Bedeutung des Samenbaus für die Stadtgeschichte Quedlinburgs ist an dieser Stelle schon viel berichtet worden. Das Jahr, in dem sich der Geburtstag eines seiner bedeutendsten Protagonisten zum zweihundertsten Mal jährt, sollte zum Anlass genommen werden, dieser Quedlinburger Persönlichkeit besonders zu gedenken und an das, was auf den von ihm gelegten Fundamenten erwachsen ist, wieder einmal zu erinnern.

Die Gärtnerfamilie Dippe gehörte nicht unbedingt zu den ältesten Quedlinburger Züchtergeschlechtern. Aber unter der Führung ihres Sohnes Gustav Adolf Dippe entwickelte sich das Dippesche Unternehmen ab der Mitte des 19. Jahrhunderts recht schnell zum Flaggschiff der Quedlinburger Saatzucht. Die Familie Dippe gab es im Harzvorland bereits seit Ende des 15. Jahrhunderts.

Gustav Adolf Dippe (1824-1890) und sein Bruder Christof Lorenz (1819-1895) übernahmen 1844 die 7,5 Hektar große elterliche Gärtnerei. Schon 1850 ließen sie ihr Unternehmen „ Gebrüder Dippe“ ins Handelsregister eintragen. Der ältere Bruder verließ die Firma aus gesundheitlichen Gründen jedoch bereits 1863 wieder, blieb ihr und dem Bruder jedoch sein Leben lang verbunden, zumal er auch weiterhin dessen Unterstützung genoss.

Bereits 1857 gab die Firma ihr erstes „Preisverzeichnis von in- und ausländischen Gemüse-, Feld- und Blumensämereien“ heraus. Das bedeutendste Verdienst des Firmengründers Gustav Adolf Dippes war es aber wohl, dass er die Bedeutung der Zuckerrübenzüchtung frühzeitig erkannte. Er engagierte sich ab etwa 1860 mit voller Energie in der Selektion und dem Samenbau dieser relativ neuen Kulturart. Sein Sohn Carl von Dippe war es dann, der die ursprünglich von der französischen Firma Vilmorin entwickelte revolutionäre Zuchtmethode der Individualauslese mit nachfolgender Nachkommenschaftsprüfung in Deutschland einführte.

Andere Saatzuchtunternehmen, z. B. Rabbethge & Giesecke in Klein Wanzleben um 1880, wandten diese neue Zuchtmethode später ebenfalls an. Carl von Dippe und die Nachfolgegenerationen hielten stets enge Kontakte zu wissenschaftlichen Einrichtungen und privaten Rübenzüchtern, z. B. zu Wilhelm Rimpau in Schlanstedt/Langenstein. Die Verbindung von praktischer Pflanzenzüchtung, universitärer Forschung und neuen Industrieverfahren (Rübenzuckerproduktion) bestimmte die Arbeit der Firma Gebrüder Dippe dauerhaft. Sie lieferte Anfang des 20. Jahrhunderts 12 % des Weltverbrauchs an Rübensamen. Die Firma zählte somit zu den deutschland- und weltweit führenden Saatgutunternehmen. Bereits 1907 umfasste die Preisliste über 4.700 Artikel!

Mit dem wirtschaftlichen Erfolg einher gingen stetige bauliche Erweiterungen auf dem 6,5 ha großen Areal des heutigen Dippe-Haupthofes im Quedlinburger Neuen Weg sowie der Bau repräsentativer Villen für die Familienmitglieder und leitende Angestellte in dessen Umfeld. Um 1890 umfasste der Grundbesitz des Unternehmens bereits 2.500 Hektar. Dazu gehörten die Güter Neundorf bei Staßfurt und Röderhof bei Halberstadt. Die Rübensamenproduktion in firmeneigenen Gütern in Polen, der Ukraine und Südrussland war die wichtigste Basis der Firmeneinkünfte. Später, um 1920, kamen noch drei Güter in Oschersleben und 1935 in Mahndorf dazu.

Gustav A. Dippe starb 1890 als Millionär in San Remo und hatte seine Grabstelle auf dem Wiperti-Friedhof in Quedlinburg. In seinem Nachlass stellte er dem Personal eine Million Reichsmark zur Verfügung. Auf ihn ging auch die „Unterstützungskasse der Gebrüder Dippe“ zurück. Etwa 500 Betriebswohnungen, davon über 270 in Quedlinburg, dienten dem Firmenpersonal. Die „Dippe-Häuser“ aus rotem Backstein  sind heute noch im Stadtbild sichtbar. Eine langjährige Betriebszugehörigkeit war fast die Regel; z. B. blieb der Blumenzüchter Robert Beist dem Betrieb 67 Jahre treu!  Auch die Kommune profitierte vom Wohlstand der Unternehmerfamilie. So konnte 1921 über die Gebrüder-Dippe-Stiftung das städtische Säuglingsheim in der Schillerstraße/Ecke Taubenbreite, damals Lazarettstraße 1, geschaffen werden.

Im Jahr 1913 war G. A. Dippes Sohn Friedrich Christoph Dippe mit einem Vermögen von 50 Millionen Mark und einem jährlichen Einkommen von 1,9 Mill. Mark der reichste Mann der preußischen Provinz Sachsen. Seine Schwester Anna Esche galt als drittreichste Person in dieser Provinz.

Im Jahre 1915 erfolgte die Umwandlung des Unternehmens in eine Aktiengesellschaft mit drei Teilhabern aus der Familie. Direktor Dr. Ludwig Kühle führte die Firma durch den I. und II. Weltkrieg. Er initiierte 1908 die Gründung der Gesellschaft zur Förderung der deutschen Pflanzenzucht. Zahlreiche weltbekannte Wissenschaftler, wie Hans Kappert, begannen ihre wissenschaftliche Karriere als Saatzuchtleiter im Unternehmen oder kooperierten mit der Dippe AG. Ludwig Kühle und Fritz von Wettstein, Direktor des Kaiser-Wilhelms-Instituts für Biologie Berlin-Dahlem, betrieben die Schaffung einer firmeneigenen wissenschaftlichen Abteilung für die Züchtungsforschung. Deren Leiter wurde 1935 Dr. Gustav Becker. Die Abteilung bildete später die Grundlage für das 1947 gegründete DSG-Institut für praktische Pflanzenzüchtung.

Oft sehr niedrige Löhne, Kinderarbeit, der Einsatz von Kriegsgefangenen in beiden Weltkriegen, die Tätigkeit von Fachleuten im besetzten Polen und der Ukraine stehen allerdings auch für Schattenseiten des Unternehmens. Im Frühjahr 1945 hatte die Gebr. Dippe AG noch ca. 2.500 Mitarbeiter. Die genauen Vorgänge in der Firma während des kurzen Intermezzos der amerikanischen Truppen in Quedlinburg oder Details der Übernahme durch die sowjetische Besatzungsmacht sind sehr wenig belegt und bekannt. Die beiden Vettern Hans von Dippe, gestorben 1962, und Carl Esche, gestorben 1978, führten die Firma nach deren Weggang aus Quedlinburg nach 1945 in Herford/Westfalen mittels mitgenommenem Zuchtmaterials als Saatzucht GmbH fort. Die Firma wurde dann an einen schwedischen Saatgutkonzern verkauft.

Flächen, Wirtschaftshöfe und Güter des ehemaligen Dippe-Imperiums wurden nach der Enteignung 1945 zu einem bedeutenden Bestandteil der vereinigten staatlichen Saatgutbetriebe der DDR. Aus dem „Dippe-Hof “ wurde der „Haupthof“ zunächst der Deutschen Saatzuchtgesellschaft (DSG), später des Volkseigenen Betriebs Saat- und Pflanzgut Quedlinburg. Hier wurde ab 1945 bis 1990 in Arbeitsteilung mit dem staatlichen Erfurter Betrieb der gesamte Anbau und Handel der DDR  mit Saatgut von gartenbaulichen Kulturen organisiert. Bedeutende Teile der Samenernte des Landes wurden hier erfasst, gereinigt, qualitätskontrolliert sowie für den Binnenhandel oder den Export abgepackt und ausgeliefert. Ebenfalls auf dem Gelände des ehemaligen „Dippe-Hofes“ entwickelte sich in dieser Zeit auf den Grundlagen der Dippeschen Zuchtabteilung die zentrale Forschungseinrichtung der DDR auf diesem Gebiet, das Institut für Züchtungsforschung.

Während an anderen Stellen in Quedlinburg die Kontinuität der Saatzucht mit einer  zentralen Bundesforschungseinrichtung, dem Julius Kühn-Institut, sowie neu gegründeten privaten Zucht-, Vermehrungs- und Handelsbetrieben gewahrt blieb, war ab Mitte der 1990er Jahre die glanzvolle Zeit für den Dippe-Hof vorbei. Die Gebäude gerieten in die Hände verschiedener „Investoren“, deren Investitionen jedoch bis auf eine Ausnahme ausblieben. So bietet sich heute zumeist nur ein trauriger Anblick des Geländes und auch des Anfang der 1990er Jahre wieder hergerichteten Dippe-Denkmals.

Für dieses Jahr steht die zweihundertjährige Wiederkehr des Geburtstages des Firmengründers und großen Sohnes der Stadt Quedlinburg, Gustav Adolf Dippe, an. Durch das Julius Kühn-Institut und die Interessengemeinschaft Saatguttradition ist dazu eine Ehrung Dippes anlässlich des Tages der offenen Tür im Institut am 08.06.2024 vorgesehen.

Leider spiegelt sich das Jubiläum nicht im Eventkalender der Welterbestadt wider. Außerdem hatte die Interessengemeinschaft schon lange im Vorfeld gemeinsam mit der David-Sachs-Schule eine Initiative zur würdigen Herrichtung des Umfelds seines Denkmals am Eingang des Dippe-Hofs gestartet, die auch von den beiden Instituten in Quedlinburg und Gatersleben unterstützt worden ist. Diese ist leider ergebnislos geblieben. Es gab bis Anfang Februar 2024 trotz mehrerer Anfragen keine aktuelle Information aus der Quedlinburger Stadtverwaltung und der Denkmalschutzbehörde, was dazu nach dem Ortstermin 2022 und einer nochmaligen Beratung 2023 gegenüber den Eigentümern der betreffenden Gebäude und Flächen tatsächlich unternommen worden ist. Jetzt, nach dem Bericht aus der letzten Sitzung des Hauptausschusses des Stadtrates, scheint endlich Bewegung in die Angelegenheit zu kommen. Herr Oberbürgermeister Ruch wird diese Angelegenheit hoffentlich zur Chefsache machen.

Die Interessengemeinschaft begrüßt es sehr, wenn sich alle Beteiligten nunmehr ihrer Verantwortung vor diesem großen Erbe bewusst werden und einen Weg finden, um die Realisierung  der vorgeschlagenen Maßnahmen zu ermöglichen.

Die Veröffentlichungen zum Jubiläumsjahr werden von der IG bzw. ihren Unterstützern fortgesetzt.

Autor: Hartmut Klein, Sprecher der IG Saatguttradition, auf der Grundlage der Texte von Dr. Rolf Bielau (†) zum Quedlinburger Züchterpfad sowie Herrn Götz von Donners, eines Dippe-Nachfahren

G A DippeGustav Adolf Dippe

 

A6 Gebr. Dippe Haupthof und LazarettgartenDippe-Haupthof

2 9 Zuckerrübe groß einsetzen

DenkmalDippe-Denkmal 2024, Neuer Weg

 

Dippehof ModellModell Dippe-Hof

         

Bilder: Fotoarchiv IG Saatguttradition

Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.